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Das Bewusstsein: ein Problem für den Naturalismus

Eine Rezension von „The Truth About Human Origins“ (Kapitel 5-8)1 von Brad Harrub und Bert Thompson
Apologetics Press, Montgomery, AL, 2003

von Daniel Tate
übersetzt von Paul Mathis

Die Kapitel 5 bis 8 von „The Truth About Human Origins“ (Die Wahrheit über die Herkunft des Menschen) behandeln Themen wie das menschliche Gehirn, Sprache und Bewusstsein, die von entscheidender Bedeutung für die Debatte Schöpfung versus Evolution sind. In der Tat stellen diese Phänomene nicht nur ein Problem für naturalistische (d. h. evolutionäre) Beschreibungen der Herkunft des Menschen dar, sondern rufen auch Zweifel an der Gültigkeit des Naturalismus auf anderen Gebieten hervor.

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Die naturalistische Lehre der „kausalen Geschlossenheit“, die Behauptung also, dass alle physikalischen Ereignisse durch physikalische Ursachen erklärt werden können, schließt nicht nur die Möglichkeit von Wundern oder übernatürlichen Eingriffen in die physikalische Welt aus (wie die Erschaffung Adams aus „Staub von der Erde“ oder die Auferstehung Christi), sondern auch die Möglichkeit, dass menschliche Wesen eine nichtphysikalische „Seele“ besitzen, die sich durch unsere Worte und unser Verhalten ausdrückt.

Die Einzigartigkeit der menschlichen Sprache

Kapitel 5 behandelt das Thema der Evolution der Sprache. Die menschliche Sprache stellt ein vollständiges und komplex funktionierendes Kommunikationssystem dar, für das es im gesamten Tierreich keine Entsprechung gibt. Harrub und Thompson überprüfen Behauptungen einiger Vertreter der Evolution in Bezug auf die Existenz primitiver Sprachen (oder einer rudimentären Fähigkeit zur Sprache) bei verschiedenen Tierarten, und lehnen sie richtigerweise ab. Es besteht eine grundsätzliche qualitative Lücke zwischen dem Geben und Beantworten von Zeichen (ob angeboren oder konditioniert), was bei manchen Tieren vorkommt, und den komplexen Beugungsformen und grammatikalischen Strukturen in menschlichen Sprachen. Tierische Kommunikation besitzt keinerlei Grammatik, wohingegen alle menschlichen Sprachen eine sehr komplexe Grammatik aufweisen. Es existiert bei keiner Tierart eine Zwischen- oder Übergangsform von Grammatik.

Außerdem ist keine menschliche Sprache „primitiver“ als die andere. Harrub und Thompson diskutieren die von Chomsky entwickelte Theorie einer angeborenen, allen menschlichen Sprachen zugrunde liegenden „universalen Grammatik“, und das daraus resultierende Problem für Vertreter der Evolution; denn eine diese Theorie untermauernde Entwicklung– ausgehend vom kompletten Fehlen der Grammatik bei Tieren bis zur vollständigen Ausprägung beim Menschen – wurde noch nie beobachtet.

Ein gutes Beispiel dafür ist „Rekursion“, d. h. die Verschachtelung von mehreren Konzepten, wie z. B. bei dem Satz „Sie erzählte mir, dass der Affe die Banane zerquetscht hat“. „Der Affe hat die Banane zerquetscht“ ist ein Konzept innerhalb von „Sie erzählte mir“. Ein Affe könnte mit so etwas nichts anfangen, während es hingegen schon kleine Kinder verstehen würden.

Das Problem ist jedoch nicht nur auf funktionelle Linguistik beschränkt. Harrub und Thompson diskutieren auch die biologischen Grundlagen der Sprache, einschließlich der neurologischen Sprachzentren und der anatomischen Voraussetzungen für das Sprechen. Alle diese Komponenten müssen vorhanden sein, damit es Sprache geben kann.

Das hochkomplexe Netzwerk des menschlichen Gehirns

In Kapitel 6 wird das Thema der Evolution des menschlichen Gehirns diskutiert. Dieser Aspekt der menschlichen Evolution ist von entscheidender Bedeutung, weil das Gehirn nach Ansicht der Vertreter der Evolution das Organ ist, das bei uns Menschen im Vergleich zu unseren angeblichen Vorfahren eine radikale Entwicklung erfahren hat.

Theorien zur Evolution des Gehirns enthielten in der Vergangenheit nur sehr wenig Details, zum Teil aufgrund der Tatsache, dass der Fossilienbericht wenig Aufschluss über die Hirnstruktur gibt, hauptsächlich aber aufgrund unserer tiefgreifenden Unwissenheit über die Funktionsweise des Gehirns (nahezu jede Erklärung passt, wenn wenig Daten vorhanden sind!). Evolutionäre Theorien über die Entwicklung des Gehirns haben sich oft fast ausschließlich mit der Frage der Schädelkapazität und der Gehirngröße befasst, ohne Berücksichtigung der internen funktionellen Struktur des Gehirns.

Jedoch betreffen die Unterschiede zwischen dem Gehirn des Menschen und dem der Tiere deutlich mehr Aspekte als nur die Gehirngröße – in der Tat haben manche Tierarten größere Gehirne als Menschen. Nicht einmal innerhalb von menschlichen Populationen gibt es einen Zusammenhang zwischen der Größe des Gehirns und der Intelligenz. Der gewaltige Unterschied zwischen menschlichen und tierischen Gehirnen besteht in erster Linie nicht einmal in der größeren Anzahl von Nervenzellen beim Menschen. Er besteht vielmehr in den Verbindungen, d. h. in der Art, wie das menschliche Gehirn „verdrahtet“ ist. Obwohl es wahr ist, dass das Gehirn nicht vollständig „festverdrahtet“ ist, und die Verschaltung der Neuronen durch Erfahrung geformt werden kann, besteht diese anpassungsfähige Flexibilität nur innerhalb der Grenzen einer hochspezialisierten und unglaublich komplexen angeborenen Netzwerkstruktur. Harrub und Thompson schreiben: „Wir glauben, dass das Gehirn sehr viel mehr Respekt verdient, als Vertreter der Evolution ihm zollen möchten“ (S. 216).

Es ist wahrscheinlich, dass mit zunehmendem Verständnis der funktionellen Organisation des menschlichen Gehirns seine herausragende Stellung vor den Gehirnen aller Tiere weiter herausgestellt wird, und die nicht-reduzierbare Komplexität seiner Netzwerk-Untereinheiten immer deutlicher wird. Oberflächliche Ähnlichkeiten werden sich immer mehr als komplexe Unterschiede entpuppen. Detaillierte neuronale Untersuchungen und die Modellierung von Verarbeitungsprozessen des Gehirns waren bis heute nur in Bezug auf relativ einfache und untergeordnete Prozesse erfolgreich, wie z. B. bei der Segmentierung von sensorischer Informationseingabe und der Kontrolle von motorischer Aktivität.

Von diesen letzteren Aspekten der Gehirnverarbeitung ist aber zu erwarten, dass sie die größte Ähnlichkeit bei Menschen und Tieren aufweisen. Das hat zu der unrealistischen Illusion beigetragen, dass menschliche Gehirne viel mehr Ähnlichkeiten mit tierischen Gehirnen aufweisen, als höchstwahrscheinlich tatsächlich der Fall ist. Kreationisten haben guten Grund, Fortschritten in der Gehirnforschung und den daraus folgenden Implikationen für ihre Position mit großem Optimismus entgegenzusehen.

Menschliches Bewusstsein und die „Seele“

Kapitel 7 und 8 behandeln das Phänomen des Bewusstseins. Es ist ein wichtiges Thema, zu dem es aus kreationistischer Perspektive nicht viele Beiträge gibt. Es gibt genau genommen zwei logisch voneinander getrennte Fragen in Bezug auf Bewusstsein und Evolution. Die erste Frage ist, ob Bewusstsein, soweit es ein biologisches Phänomen ist, sich durch Evolution entwickelt haben kann. Die zweite Frage jedoch ist, ob Bewusstsein überhaupt ein rein biologisches Phänomen ist. Wenn es das nicht ist, kann es sich offensichtlich nicht entwickelt haben, da die neodarwinistische Theorie nur die Existenz von biologischen Organismen erklären will.

Wenn der Verstand mehr als nur das Gehirn ist, und wenn Menschen sowohl einen materiellen Teil als auch einen immateriellen Teil besitzen,2 dann ist die naturalistische Evolutionstheorie falsch, oder bestenfalls unvollständig.

Aus diesem Grund kann das Problem des Bewusstseins als „zweite Front“ im Kampf gegen den Naturalismus in der Wissenschaft angesehen werden. Naturalismus schließt jede göttliche Schöpfung aus, aber auch die Möglichkeit einer nichtphysikalischen Seele, die auf übernatürliche Weise mit dem Gehirn und dem Körper interagiert.

Um hier Klarheit zu bekommen, sollten bei der Untersuchung der Rolle des Gehirns im Bewusstsein die tatsächlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse von der reinen Philosophie getrennt werden. Harrub und Thompson neigen dazu, beides zu vermischen, beschäftigen sich jedoch hauptsächlich mit philosophischen Überlegungen. Das ist nachvollziehbar; denn wenn es darum geht, was wirklich wissenschaftlich demonstriert wurde, sind Wissenschaftler – einmal abgesehen von typisch naturalistischer Selbstüberschätzung – weit davon entfernt, jegliche Art von Bewusstsein neurophysiologisch zu erklären.

Physische Analyse des Gehirns

Die wissenschaftliche Datenlage sowohl aus dem Tierreich als auch vom Menschen kann in drei grobe Kategorien eingeteilt werden. Die erste könnte man als Korrelationsstudien bezeichnen. Diese beinhalten bildgebende Untersuchungen des Gehirns wie Positronen-Emissions-Tomographie (PET), funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) und die Analyse von ereigniskorrelierten Hirnpotentialen (ERPs), d. h. von Aktivitäten in bestimmten Gehirnregionen zu einer bestimmten Zeit, die mit einem psychologischen Phänomen, Prozess oder einer Tätigkeit zusammenhängen.

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Das unglaublich komplexe Muster von Verbindungen im menschlichen Gehirn macht es einzigartig in der gesamten Natur.

Die zweite Gruppe von Untersuchungen können wir als Mangelstudien bezeichnen. Bei diesen Untersuchungen wird gezeigt, dass ein bestimmter psychologischer Mangel auftritt, wenn eine dafür verantwortliche Region des Gehirns beschädigt ist. Weder Korrelationsstudien noch Mangelstudien erklären, wie eine Gehirnregion an einem psychologischen Prozess beteiligt ist; sie zeigen lediglich, dass sie auf irgendeine Weise beteiligt ist. Aus diesem Grund sind sie nicht in der Lage, die Beteiligung einer nichtphysikalischen Seele am selben Prozess auszuschließen. Wenn ich das Getriebe eines Autos beobachte, kann mir auffallen, dass das Getriebe immer rotiert, wenn das Auto sich bewegt, und dass es nie rotiert, wenn das Auto hält. Das beweist jedoch nicht, dass man die Bewegung des Autos allein anhand des Getriebes erklären kann. Gleicherweise kann es sein, dass das Auto fahruntüchtig wird, wenn ich sein Getriebe beschädige. Wiederum zeigt das jedoch nicht, dass nur das Getriebe für die Bewegung des Autos verantwortlich ist.

Solche Korrelations- und Mangelstudien sind interessant, aber nicht überzeugend, um Bewusstsein lediglich als eine Funktion des Gehirns zu belegen, solange es keine detaillierte und empirisch überprüfbare Erklärung gibt, wie das Bewusstsein vom Gehirn erzeugt wird. Pi-mal-Daumen-Erklärungen reichen da nicht. Es ist so ähnlich, wie bei der Suche in der wissenschaftlichen Literatur nach Erklärungen, wie beispielsweise Landwirbeltiere aus Fischen evolviert sein sollen. Es gibt massenhaft vage Allgemeinheiten, aber wenig in Richtung verständlicher, experimentell überprüfbarer Erklärungen.

Die dritte Gruppe von Studien enthält wirklich detaillierte neuronale Untersuchungen und Modellierung von Verarbeitungsprozessen des Gehirns. Diese Studien zeigen tatsächlich, wie die Verarbeitung erfolgt. Das Problem ist jedoch, wie bereits in Bezug auf Kapitel 6 erwähnt, dass solche Untersuchungen nur bei relativ einfachen Verarbeitungsprozessen erfolgreich waren. Sie konnten niemals auch nur annähernd die komplizierten Phänomene des Bewusstseins erklären.

Philosophische Aspekte

Abgesehen von der Selbstüberschätzung gewisser Personen gibt es daher keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass das Bewusstsein allein auf das Gehirn zurückzuführen ist. Es gibt starke Belege dafür, dass das Gehirn an bewussten Prozessen beteiligt ist. Es gibt jedoch keinen Beweis dafür, dass nur das Gehirn für das Bewusstsein verantwortlich ist. Dieser Mangel an Beweisen führt Harrub und Thompson vielleicht dazu, die meiste Zeit der philosophischen Seite der Frage zu widmen. Die Fragestellung wird dadurch verkompliziert, dass es keine Einigkeit bezüglich der Bedeutung des Begriffes „Bewusstsein“ gibt. Es ist zu einer Tradition geworden, zwischen dem sogenannten „leichten Problem“ und dem „schweren Problem“ des Bewusstseins zu unterscheiden.3

Das „leichte“ Problem betrifft die Frage, ob die Neurowissenschaft die funktionelle Seite des Bewusstseins erklären und damit das komplette Spektrum aller beobachtbaren Verhaltensweisen von Menschen und Tieren verständlich machen kann. „Bewusstsein“ in funktionellem Sinn bezeichnet eine besonders komplexe Art der Informationsverarbeitung. Das „schwere“ Problem betrifft die Frage, ob die Neurowissenschaft unsere subjektive Wahrnehmung oder unsere subjektiven Erfahrungen (sogenanntes „phänomenales“ Bewusstsein) erklären kann, die in der analytischen Tradition oft qualia genannt werden. Manche naturalistischen Philosophen, so wie Daniel Dennett, weigern sich, anzuerkennen, dass das Bewusstsein überhaupt irgendeinen subjektiven Aspekt beinhaltet, und definieren das Bewusstsein komplett in funktionellen Ausdrücken.

Harrub und Thompson erwägen die verschiedenen Optionen und argumentieren, dass eine Form von interaktionistischem Dualismus, bei dem der Mensch sowohl ein physikalisches Gehirn als auch eine oder mehrere nichtphysikalische Komponenten (Seele und/oder Geist) besitzt, die beste Erklärung für das Phänomen des Bewusstseins bleibt. Diese Schlussfolgerung erscheint sowohl philosophisch als auch wissenschaftlich vernünftig. Unglücklicherweise ist der Begriff „Dualismus“ im Moment innerhalb der Theologie sehr unpopulär, vor allem aufgrund der Ansichten des einflussreichen liberalen Theologen Rudolf Bultmann zur neutestamentlichen Forschung, die auch zu einigen evangelikalen Gelehrten durchgedrungen sind.

Infolgedessen findet man immer häufiger evangelikale Autoren, die jede fortgesetzte bewusste Existenz nach dem Tod und vor der Auferstehung (im Zwischenstadium) verneinen, während in der Vergangenheit praktisch alle bibeltreuen Christen an einen solchen Zustand geglaubt haben (z. B. Offenbarung 6,9-10, wo berichtet wird, dass die getöteten Heiligen sich in einem bewussten Zustand befinden und Gott fragen, wie lange er noch warten will, bevor er die Bösen auf der Erde vernichtet, oder der gestorbene reiche Mann in Lukas 16, der bei Bewusstsein war und mit Abraham über seine noch lebenden Brüder sprach). Manche, die an ein Zwischenstadium glauben, in welchem das Bewusstsein fortbesteht, haben trotzdem eine starke Abneigung dagegen, Dualisten genannt zu werden, obwohl diese Bezeichnung offensichtlich zutreffend ist. In Anbetracht dieser Situation wären vielleicht ein paar Kommentare angebracht.

Biblische und theologische Fragen

Der Ausdruck „Dualismus“ bezieht sich nicht auf eine bestimmte Theorie; vielmehr ist er ein beschreibender Ausdruck, der auf viele verschiedene Theorien angewandt werden kann, die zwei Dinge oder Konzepte beinhalten. Viele verschiedene Formen des Dualismus sind beschrieben worden, darunter theologischer, kosmischer, räumlicher, eschatologischer, ethischer, anthropologischer Dualismus usw.4

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Die menschliche Sprache ist ein vollständiges und komplex funktionierendes Kommunikationssystem, das aus vielen Komponenten besteht und im gesamten Tierreich einzigartig ist. Klicken Sie für eine größere Ansicht.

Theologischer Dualismus macht beispielsweise eine klare Unterscheidung zwischen dem Schöpfer (Gott) auf der einen Seite, und seiner Schöpfung auf der anderen Seite. Jede Art von Theismus, einschließlich des Christentums, muss logischerweise theologischen Dualismus beinhalten. Gleicherweise kann es kaum sein, dass ein Christ kein ethischer Dualist ist, da die Bibel einen deutlichen Unterschied zwischen Gut und Böse macht.

Andere Formen des Dualismus, wie z. B. räumlicher Dualismus (Unterscheidung von Himmel und Erde) und eschatologischer Dualismus (Unterscheidung des gegenwärtigen Zeitalters und des künftigen Zeitalters) sind in der Bibel enthalten. Es sind also nicht grundsätzlich alle Dualismen schlecht. Monisten argumentieren oft, dass dualistische Anthropologie das Ergebnis von Platons Einfluss auf die christliche Denkweise sei.

Aber platonischer Dualismus ist nur eine bestimmte Form von Dualismus und hat wenig mit dem ganzheitlichen, interaktionistischen Dualismus gemeinsam, der das Kennzeichen der christlichen Orthodoxie (im Sinne von Bibeltreue, Anm. d. Übers.) ist. Für Platonisten und Gnostiker war der Körper grundsätzlich böse und verdorben, und unter „Erlösung“ verstand man die dauerhafte Flucht aus oder Befreiung von dem Körper.

Für christliche Dualisten hingegen ist der Körper aufgrund des Sündenfalls nur bedingt verdorben und wird bei der Auferstehung erlöst und vervollkommnet. Erlösung beinhaltet aus christlicher Sicht also die letztendliche Wiederherstellung des gesamten Menschen, sowohl des physikalischen Körpers als auch der nichtphysikalischen Seele bzw. des nichtphysikalischen Geistes. Diese zwei Formen von Dualismus, der platonische/gnostische Dualismus und der christliche Dualismus, sind deshalb grundverschieden.

Außerdem ist solchen Kritikern selten bewusst, dass der Einfluss eher von der anderen Seite kommen könnte. Möglicherweise spiegelt der Hang zum Monismus innerhalb der christlichen Theologie nämlich einfach den Einfluss des Modernismus und des damit einhergehenden Materialismus und Naturalismus wieder. Das trifft offensichtlich auf Menschen wie Bultmann zu, gilt jedoch auch für Evangelikale, wie die gesamte Debatte Schöpfung versus Evolution zeigt.

Viele moderne Christen wollen die Bibel vollständig gegen die Behauptungen der naturalistischen Wissenschaft absichern. Um dies zu erreichen, lesen sie die Texte so, dass jeder Konflikt mit dem aktuellen Diktat durch die „Wissenschaft“ vermieden wird, ohne Rücksicht darauf, ob so die naheliegendste Bedeutung getroffen wird oder nicht.

Da die moderne Neurowissenschaft im Großen und Ganzen darauf besteht, dass Bewusstsein vollständig durch das Gehirn erklärt werden kann (aufgrund eines zugrundeliegenden Naturalismus, nicht aufgrund der Beweise), versuchen Christen, die Lehre der Bibel über den Menschen in einer monistischen Art und Weise zu verstehen, weil sie fürchten, dass die Bibel durch die „Wissenschaft“ widerlegt wird, wenn sie die Vorstellung einer immateriellen Seele verteidigen. Im Allgemeinen wird unter neutestamentlichen Gelehrten jedoch zunehmend der anthropologische Dualismus des Neuen Testaments anerkannt – sodass beispielsweise David Aune (2001) schrieb:

„Die Betonung der psychosomatischen Einheit der menschlichen Person (d. h. Monismus, Anm. d. Übers.) in den Lehren des Paulus, die eine so weitverbreitete theologische Voraussetzung unter den paulinischen Gelehrten ist, die die Erben von Bultmanns einflussreichem Werk zur paulinischen Anthropologie sind, ist recht hilfreich bei der Erklärung beispielsweise von Römer 7, scheitert jedoch, sobald Paulus zum Thema des Todes übergeht … es liegt grundsätzlich ein Konzept der anthropologischen Dualität vor.“ (S. 238-239).5

Schlussfolgerung

Harrub und Thompson geben eine exzellente Übersicht über die empirischen Probleme von Evolution und Naturalismus in Bezug auf das Gehirn, die Sprache und das Bewusstsein des Menschen. Da sie von Beruf keine Bibelgelehrten, sondern Wissenschaftler sind, scheint ihnen jedoch nicht bewusst zu sein, in welchem Ausmaß der anthropologische Dualismus in evangelikalen theologischen Kreisen heute angefochten wird. Trotzdem nehmen sie eine kurze biblische Verteidigung dieser Position vor, die sich als nützlich erweisen könnte, auch wenn sie nicht alle Punkte des aktuellen Disputs berührt. Für eine gründlichere und theologisch fundierte Verteidigung der biblischen Position in Bezug auf anthropologischen Dualismus sei der Leser jedoch auf Werke wie Gundry6 oder Cooper7 verwiesen.

Literaturangaben und Anmerkungen

  1. Diese Kapitel von The Truth About Human Origins beschäftigen sich mit Neurophysiologie und Linguistik und mussten von einem Spezialisten durchgesehen werden. Der Gutachter hat einen Doktortitel auf dem Gebiet der Neurowissenschaft. Die anderen Kapitel beschäftigen sich mit den fossilen Belegen, die weniger neu sind. Zurück zum Text.
  2. Die Frage, ob „Geist“ und „Seele“ neben dem physikalischen Körper unterschiedliche immaterielle Komponenten der menschlichen Natur sind (d. h. die Debatte zwischen Dichotomisten und Trichotomisten), soll hier nicht behandelt werden. Obwohl manche Trichotomisten ungerne als Dualisten bezeichnet werden, ist dies im weiteren Sinn ein zutreffender Name, da sie wie die Dichotomisten glauben, dass der Mensch neben der physikalischen Komponente auch eine nichtphysikalische Komponente besitzt. Ob die nichtphysikalische Seite des Menschen weiter in Geist und Seele unterteilt werden kann, ist eine andere Frage. Zurück zum Text.
  3. Güzeldere, G., The many faces of consciousness: a field guide; in: The Nature of Consciousness: Philosophical Debates, Block, N., Flanagan, O. und Güzeldere, G. (Hrsgg.), The MIT Press, Cambridge, MA, S. 27, 1997. Zurück zum Text.
  4. Gammie, J.G., Spatial and ethical dualism in Jewish wisdom and apocalyptic literature, Journal of Biblical Literature 93:356-385, 1974. Zurück zum Text.
  5. Aune, D. E., Anthropological duality in the eschatology of 2 Cor 4:16-5:10, in Paul Beyond the Judaism/Hellenism Divide, Engberg-Pedersen, T. (Hrsg.), Westminster John Knox Press, Louisville, KY, S. 215-239, 2001. Zurück zum Text.
  6. Gundry, R. H., Sōma in Biblical Theology with Emphasis on Pauline Anthropology, Society for New Testament Studies Monograph Series, Cambridge Unviersity Press, Cambridge, UK, 1976. Zurück zum Text.
  7. Cooper, J. W., Body, Soul and Life Everlasting: Biblical Anthropology and the Monism-Dualism Debate, William B. Eerdmans, Grand Rapids, MI, 1989. Zurück zum Text.

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