Also Available in:

Menschliche Schwänze?

„Atavistische Schwänze“ und Evolution

von und 
übersetzt von Markus Blietz

Published: 30 April 2015 (GMT+10)
iStockphotobaby-sleeping

Ein nicht auszurottendes Argument für die Evolutionstheorie ist die Idee, dass gewisse Organe „atavistisch“ oder „primitiv“ seien. Diese Organe sollen „Erinnerungen“ an frühere evolutionäre Entwicklungsstufen unserer Vorfahren sein. Die Ursache dafür ist angeblich die genetische Codierung in der DNS unserer Vorfahren, die es irgendwie schafft, wieder zum Vorschein zu kommen (z.B. durch Mutationen). Was bisher verborgen bzw. ausgeschaltet war, wird sozusagen wieder eingeschaltet.

Die Idee ähnelt der Theorie der sogenannten „rudimentären“ Organe. Die „rudimentären“ Organe sollen dabei nutzlose oder verkümmerte Organe sein, „Überbleibsel“ unserer evolutionären Vergangenheit. Das bekannteste Beispiel dafür ist der Blinddarm, der aber nach neuesten Kenntnissen eine spezifische Funktion in unserem Immunsystem besitzt.

Kreationisten [d.h. bibelgläubige Wissenschaftler, Anm. d. Übersetzers] haben schon seit langem Behauptungen zurückgewiesen, dass menschliche Organe wie Blinddarm, Mandeln, Steissbein, männliche Brustwarzen, Körperbehaarung usw. nur rudimentär sein sollen. Sogar viele Vertreter der Evolutionstheorie haben diese schwachen und fadenscheinigen Argumente aufgegeben. Andere versuchen das Wort „rudimentär“ neu zu definieren oder ihm zumindest eine andere Bedeutung zu geben, um sich der Macht der Gegenargumente1 zu entziehen. Eine nähere Betrachtung zeigt aber die Schwächen der Theorie. Ständig werden neue Varianten der Theorie entwickelt (wie z.B. die Idee der „Junk“- bzw. „Schrott“-DNS), weil veraltete Argumente nicht mehr benötigt und wie Ballast abgeworfen werden.

Diese nie erlahmende Begeisterung hält sich nicht zuletzt deswegen, weil jedes „nutzlose“ oder „übriggebliebene“ Organ sofort als „Corpus Delicti“ für den angeblich langen evolutionären Marsch der Menschheit – ausgehend von frühen Lebensformen – gesehen wird. Wieso sonst, sagen die Vertreter der Evolutionstheorie, würden wir genetische Informationen für bestimmte Organe oder bestimmte Merkmale besitzen, die heute keinen Zweck mehr haben? Die gleiche Argumentation gilt natürlich auch im Fall von Atavismus, d.h. bei spontan auftretenden „Erinnerungen“ an Organe, die unsere Vorfahren hatten, aber bei den meisten „normalen“ Menschen nicht mehr auftauchen.

Menschen mit Schwänzen?

Ein beliebtes Beispiel ist die Behauptung, dass Menschen manchmal mit voll funktionsfähigen Schwänzen geboren werden. Eine solche Behauptung wurde von Karl Giberson, der sich selbst als Christ bezeichnet (was aber fragwürdig ist), in einer Debatte mit Intelligent Design Verfechter Stephen Meyer aufgestellt. Giberson ist ein führendes Mitglied der Organisation Biologos, die die theistische Evolution vertritt [d.h. einen Kompromiß zwischen Schöpfung und Evolution, Anm. d. Übersetzers]. Giberson ist auch Autor des Buches „Saving Darwin, How to be a Christian and Believe in Evolution“ („Die Rettung von Darwin: Wie man ein Christ sein und trotzdem an Evolution glauben kann“).

Giberson schrieb nach der Debatte zu diesem Thema:
„Warum enthält das menschliche Genom eine Anleitung zur Produktion von Merkmalen, die wir nicht brauchen? Die wissenschaftliche Erklärung dafür ist, dass wir diese Instruktionen von unseren Vorfahren, die noch Schwänze hatten, zwar geerbt haben, die Anweisung für die Produktion in unserem Erbgut aber abgeschaltet worden ist. Deshalb ist der einzige Mensch, den die meisten Leute kennen und der einen Schwanz besitzt, der Hauptdarsteller im Film „Shallow Hal“2. Manchmal geht die Anweisung für das Abschalten dieser Gene aber im Lauf der Entwicklung eines Fötus verloren, so dass Babys mit perfekt ausgebildeten, funktionsfähigen Schwänzen geboren werden.“3

Während der Debatte zeigte Giberson tatsächlich eine Fotografie eines menschlichen Babys mit einem daran hängenden Schwanz, um seine Behauptung zu unterstreichen.4 Peinlich für ihn war es allerdings, als sich herausstellte, dass dies ein mit Fotoshop manipuliertes Bild war, das offenbar von der satirischen Website „Cracked.com“ (ein „rudimentäres Überbleibsel“ der Zeitschrift „Mad“)5 stammte, und gar kein echtes medizinisches Beispiel war! Giberson hat sich zwar inzwischen entschuldigt, doch das macht ihn trotzdem kaum zu einem leuchtenden Vorbild unter promovierten Wissenschaftlern. Im Gegenteil, er ist eine Warnung für all diejenigen, die blind solche evolutionistischen „Beweise“ glauben, ohne ihre Gültigkeit gründlich zu überprüfen.6

Der prominente atheistische Evolutionist und Biologe Jerry Coyne macht ähnliche Behauptungen in seinem Buch „Why Evolution is true“ („Warum Evolution wahr ist“). Er schreibt:

„Selten … wird ein Baby mit einem Schwanz geboren, der aus dem unteren Teil der Wirbelsäule ragt. Die Schwänze variieren enorm, einige … enthalten Wirbel … Glücklicherweise können diese unschönen Auswüchse chirurgisch leicht entfernt werden.“7

Die Behauptung, die viele Vertreter der Evolutionstheorie aufstellen, ist also, dass manchmal menschliche Babys mit „perfekt geformten, funktionsfähigen Schwänzen“ geboren werden, die offensichtlich eine „Erinnerung“ an eine primitive Entwicklungsstufe ihrer schwanztragenden Vorfahren sein sollen.

Wie schon gesagt, behaupten sie, dass die „atavistischen“ Gene für diese Schwänze immer noch in der DNS aller Menschen enthalten seien, und dass sich Schwänze bilden, wenn diese sonst inaktiven Gene per Zufall reaktiviert werden. Ein weiterer Beweis soll die Tatsache sein, dass ein angeblicher Schwanz im Wachstumsprozess jedes Embryos erscheint (obwohl dieser „Schwanz“ im Verlauf des Wachstums wieder verschwindet).

Die Vertreter der Evolutionstheorie führen auch als Argument an, dass diese „Schwänze“ oft bei ganz gesunden, normalen Babys auftreten und – wie Coyne sagt – „einfach entfernt“ werden können (dieser Punkt soll wahrscheinlich die Idee bestärken, dass die evolutionären „Atavismen“ nicht pathologisch, d.h. abnormal sind im Sinn von krankmachend oder behindernd).

Haben Menschen wirklich Schwänze?

Menschen werden tatsächlich manchmal mit verschiedenartigen knollenförmigen oder schlauchartigen Auswüchsen geboren, deren Ursache sehr unterschiedlich sein kann. Wenn diese Mißbildungen im unteren Rückenbereich auftreten, werden sie – obwohl medizinisch als „kaudale Anhänge“ bezeichnet – häufig als menschliche Schwänze bezeichnet.8 Eine Internetsuche nach dem Begriff „menschliche Schwänze“ offenbart viele, manchmal verstörende Bilder von Menschen, die ähnliche Mißbildungen aufweisen.

Die populärste Story in diesem Zusammenhang ist wahrscheinlich die von Arshid Ali Khan, einem Teenager aus Punjab in Indien. Eine Internetsuche zum Thema „menschliche Schwänze“ ergibt mit fast 100%-iger Sicherheit Nachrichtenberichte, Videos und Fotos zu diesem Fall. Wegen seines 18 cm langen Schwanzes wurde Arshid Ali Khan schon als Reinkarnation des Hindu Affengottes Hanuman proklamiert. Leider – wie bei den meisten Missbildungsfällen – hat er auch entsprechende massive medizinische Probleme. Er kann wegen einer Teillähmung nicht gehen und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Zeitung „Daily Mail“ in Großbritannien berichtete, dass Ärzte erwägen, den „Schwanz“ zu entfernen, da sie (obwohl die Missbildung nicht offiziell abgeklärt und diagnostiziert wurde)

„… glauben, dass der Schwanz und die Teillähmung ein Zeichen dafür sein könnten, dass eine Form von Spina bifida [„offener Rücken“, Anm. d. Übersetzers] vorliegt, die auch „Meningozele“ genannt wird. Diese Störung kommt vor, wenn sich die Rückenmarkshaut zwischen den Wirbelkörpern nach Außen presst.“9

Was sind diese „Schwänze?“

Generell gibt es zwei Typen von Auswüchsen, die von wenigen cm bis über 10 cm Länge variieren können. In der medizinischen Literatur werden sie entweder als „echte Schwänze“ (die Muskeln enthalten, sich bewegen können und vom Steißbein-Bereich ausgehen) oder als „Pseudo- oder falsche Schwänze“ bezeichnet (im allgemeinen weich und unbeweglich, und von verschiedenen Rückenstellen ausgehend). Die verwendeten Fachbegriffe, die sich auf evolutionistische Annahmen gründen, stellen eine Herausforderung dar für Kreationisten, die dieses Konzept widerlegen wollen. Denn wer hier nachforscht, findet wissenschaftliche Publikationen, bei denen Ärzte und andere Wissenschaftler einfach den Begriff „menschliche Schwänze“ benutzen. Viele Leser nehmen dann ohne weitere Überlegungen an, dass diese Autoren Experten auf ihrem Gebiet sind, und dass sie die evolutionistischen Argumente bestätigen.

Das Problem ist, dass der Begriff „Schwanz“ mehr beschreibend als wissenschaftlich verwendet wird. Wenn ein Kind mit einem schlauchartigen Auswuchs an der Schulter oder am Arm geboren wird10, wird normalerweise der Begriff „Schwanz“ nicht gebraucht, weil der Auswuchs nicht an der Stelle ist, wo ihn die meisten Leute erwarten würden. Wenn er aber am Rücken oder am Gesäss ist, macht es eher Sinn, von einem „Schwanz“ zu reden. Die Tatsache aber, dass solche Missbildungen an anderen Körperteilen vorkommen, ist ein gutes Argument dafür, dass es sich nicht um „atavistische“ Auswüchse handelt, sondern um pathologische Merkmale, d.h. um abnormales Verhalten im normalen Wachstumsprozess eines Menschen, ohne einen Bezug zu irgendwelchen „Genen unserer Vorfahren“.

Zu dem gleichen Schluss kam ein Forscher des Duke University Medical Center (Durham, North Carolina):

„Eine der frühesten kausalen Erklärungen für den „menschlichen Schwanz“ war, dass er ein Überrest eines embryonischen Schwanzes während der Schwangerschaft sei. Es gibt mehrere Probleme mit dieser Theorie; die offensichtlichste davon aber ist, dass solche Auswüchse auch an anderen Körperteilen vorkommen, und nicht nur in der Steißbein-Region.“10

Auch die Verwendung der Begriffe „echter oder Pseudo-Schwanz“ ist irreführend, weil diese beiden Mißbildungen nach neueren Erkenntnissen wahrscheinlich auf eine ähnliche Ursache zurückzuführen sind:

„Kaudale Anhänge oder (sogenannte) menschliche Schwänze wurden von Dao und Netsky in „echte Schwänze“, die Muskeln haben und beweglich sind, und in „Pseudo-Schwänze“, die sich nicht bewegen können, aufgeteilt. Diese Unterscheidung gilt inzwischen als bedeutungslos und ohne klinische Signifikanz. Beide Typen entwickeln sich aus Resten des Achsenstabs und die Ätiologie (=Ursache) von beiden Typen ist ähnlich.“11

Harmlose Überbleibsel?

Ärzte, die sich in diesem Gebiet auskennen, scheinen sich heute darin einig zu sein, dass „menschliche Schwänze“ Geburtsfehler sind. Wie im Fall von Arshid Ali Khan, haben fast alle Menschen mit „kaudalen Anhängen“ ernsthafte medizinische Probleme. Zu den häufigsten Anomalien, die mit solchen Missbildungen assoziiert sind, zählen: spinaler Dysraphismus [embryonale Fehlbildungen in der Mittellinie des Rückens, Anm. d. Übersetzers], Meningozele bzw. im engeren Sinn Spina bifida [nach-außen Wölbung der Rückenmarkshaut zwischen den Wirbelkörpern hindurch, Anm. d. Übersetzers], Tethered Spinal Cord [krankhafte Anheftung des unteren bzw. kaudalen Rückenmarks, Anm. d. Übersetzers] und viele andere.12

„Menschliche Schwänze“, obwohl sehr selten, sind schon seit langem bekannt. Erst in den letzten Jahren aber stehen Untersuchungsverfahren wie die Computer-Tomographie (CT) und die Magnetresonanz-Tomographie (MRI) zur Verfügung, die es erlauben, die assozierten Abnormalitäten korrekt zu diagnostizieren und zu beurteilen.

In einem Fall-Beispiel, das im Jahr 2010 veröffentlicht wurde, hieß es:
„Ein menschlicher Schwanz ist eine seltene, angeborene Anomalie mit einer krankhaften Stelle vorwiegend in der Lumbosakrococcyx Region [Lenden-Kreuzbein-Steißbein Region, Anm. d. Übersetzers]. Viele Autoren sahen diesen eigenartigen und seltenen Zustand als Beweis für die Abstammung des Menschen von anderen Tieren … Moderne bildgebende Verfahren haben es uns aber in den letzten Jahrzehnten ermöglicht, eine gründlichere Untersuchung dieser Patienten durchzuführen, und den Zusammenhang mit spinalem Dysraphismus und „Tethered Spinal Cord“ besser zu verstehen.“13

Und in einem Bericht im „Journal of Perinatology“ aus dem Jahr 2008 stand:

„Das wichtigste Merkmal von kaudalen Anhängen ist die Möglichkeit von assoziiertem spinalem Dysraphismus, der behandelt werden muss, um neurologische Symptome zu vermeiden. Deshalb benötigen kaudale Anhänge eine sorgfältige Untersuchung mittels bildgebender Verfahren, sowie eine neurologische Beurteilung, bevor chirurgische Eingriffe zur Vermeidung fortschreitender neurologischer Symptome durchgeführt werden.“14

So las man beispielsweise in Veröffentlichungen vor der Ära der MRI-Diagnostik folgende Behauptungen (hier sind nicht bloss Fettgewebsgeschwulste gemeint, siehe unten „Überflüssiges Fett“):

„Atavistische Schwänze können einfach chirurgisch entfernt werden, ohne bleibende Folgen.“15
„Der menschliche Schwanz ist eine gutartige Erscheinung, die nicht assoziiert ist mit irgendwelchen Missbildungen des Rückenmarks.“16

Ältere Kommentare zu diesem Phänomen scheinen die damit verbundenen medizinischen Probleme erheblich unterschätzt zu haben. Der Grund dafür war wohl der Mangel an geeigneten bildgebenden Verfahren und/oder das falsche Darwinistische Konzept „atavistischer Organe“, wie es in den Lehrbüchern zu finden war.

Unabhängig davon, ob ein solcher „Schwanz“ Muskeln hat (die ihn beweglich machen), oder nicht: Seriöse Forscher sprechen heute aufgrund der Vielzahl der damit verbundenen Abnormitäten von einer „Störung der Entwicklung des Embryos, nicht aber von einer Regression im Evolutionsprozess.“17

Das Märchen vom Schwanz beim menschlichen Embryo

Überflüssiges Fett

Manchmal entpuppt sich ein Auswuchs, den man für einen „Schwanz“ gehalten hatte, einfach als Fett-Tumor, auch „Lipom“ genannt. Lipome sind häufig und können fast überall auftreten, wo Fettgewebe vorkommt, meist unmittelbar unter der Haut. Sie entwickeln sich oft auch bei Erwachsenen und vergrößern sich. In den vielen Fällen, wo sie an allen möglichen Körperstellen auftreten, würde man sie nie als Schwänze bezeichnen, auch wenn sie eine längliche Form haben. Im Gegensatz zu sogenannten „menschlichen Schwänzen“ können Lipome sehr wohl einfach chirurgisch entfernt werden, selbst von einem unerfahrenen Chirurgen. Und nachdem sie entfernt wurden, ist auch die Diagnose offensichtlich – nämlich dass diese Auswüchse gar nichts mit Schwänzen zu tun haben, seien sie nun atavistisch oder anderen Ursprungs.

Trotzdem stirbt so eine scheinbar überzeugende und anschauliche Idee eines „menschlichen Schwanzes“ nicht so schnell aus. Sie bleibt, besonders wenn sie mit digital manipulierten Bildern untermauert wird, im Internet sehr beliebt. Der Gedanke, dass alle menschlichen Embryos im Frühstadium einen „Schwanz“ aufweisen, verstärkt diese Idee noch mehr. Viele glauben, dass die Gene, die für diese „embryonischen Schwänze“ verantwortlich sind, auch die gleichen Gene sind, die – wenn nicht „ausgeschaltet“ – die Ursache für die „menschlichen Schwänze“ sind.

Giberson sagt dazu:
„Wir erbten diese Codierung [für Schwänze] von unseren Schwanz-tragenden Vorfahren, aber die Anweisung, sie auch zu auszubilden, wurde in unserem Erbgut abgeschaltet.“18
„Manchmal geht die Anweisung, diese Gene zu ignorieren, während der Entwicklung des Fötus verloren, und Babys werden mit perfekt ausgebildeten, voll funktionsfähigen Schwänzen geboren.“18

Giberson führt seine Ideen in seinem Buch „Saving Darwin“ näher aus, wo er schreibt (Hervorhebung durch den Autor):

„2 Monate-alte Embryonen von Hühnern, Schweinen, Fischen und Menschen sehen einander ähnlich. Sie haben alle Kiemen, Schwimmhäute an Händen und Füßen, sowie Schwänze. Innerhalb weniger Wochen verschwinden diese Ansätze wieder vom menschlichen Embryo.“19

  • Kiemen?

Die Idee, dass der menschliche Embryo Kiemen hat, ist schon lange widerlegt worden. Sogar ein typisches Embryologie Textbuch20 von 1981 bestätigt, dass die Furchen, die oft Kiemenfurchen [oder Branchialfurchen, Anm. d. Übersetzers] genannt wurden, nun korrekterweise als „Pharyngealbögen“ bezeichnet werden, da „echte Kiemen [Branchia, Anm. d. Übersetzers] im menschlichen Embryo niemals gebildet werden.“21

  • Schwimmhäute?

Ähnlich verhält es sich bei den „Schwimmhäuten“. Menschliche Hände und Füße sind von Anfang an einzigartig. Abgesehen davon postuliert die Evolutionstheorie auch nicht, dass wir von Enten-ähnlichen Vorfahren abstammen. Die menschlichen Finger und Zehen werden aus einer embryonischen Platte geformt. Dabei sterben Zellen in einem Prozess namens „Apoptose“ zwischen den werdenden Fingern und Zehen programmiert ab – übrig bleiben die fertigen Finger bzw. Zehen. Nur in seltenen Fällen sind die einzelnen Finger bzw. Zehen von Geburt an nicht vollständig voneinander getrennt, was möglicherweise zu dem Mythos der „Schwimmhäute“ beigetragen hat.

  • Schwanz?

Die Idee, dass alle menschlichen Embryonen einen „Schwanz“ besitzen, ist, wie oben gezeigt wurde, falsch, falls damit impliziert werden soll, dass wir von Vorfahren mit einem Schwanz abstammen. Tatsache ist, dass in der 4. und 5. Woche des normalen Entwicklungsprozesses alle Menschen eine Verlängerung des Bewegungsapparats entwickeln, die über den After hinausragt. Diese Verlängerung ermöglicht die volle Entfaltung des menschlichen Körperbaus, einschließlich Nervensystem. Sie ist aber keine Folge von atavistischer „Schwanz-DNS“, sondern ein kritischer, vorprogrammierter Entwicklungsschritt des menschlichen Embryos, in dem der Achsenstab [embryonale Vorstufe der Wirbelsäule, Anm. d. Übersetzers] und die Neuralröhre [embryonale Anlage des zentralen Nervensystems, Anm. d. Übersetzers] auf fast ganzer Länge in diese schwanzförmige Struktur hineinwachsen.

Diese Struktur, nur oberflächlich einem Schwanz ähnlich, dient als eine Art Gerüst oder Schablone, die im Lauf der weiteren Entwicklung die Bildung anderer Strukturen zu genau festgelegten Zeitpunkten stimuliert oder dirigiert (z.B. dient der Achsenstab als Gerüst für Zellen, die später zu Wirbelkörpern werden). Sobald diese Strukturen entwickelt sind, bewirkt die genetische Programmierung den Abbau des ursprünglichen „Gerüsts“, da es nicht mehr benötigt wird. Dieses Prinzip kommt nicht nur bei der unteren Verlängerung des Embryos zur Anwendung; im Gegenteil werden viele solcher Strukturen während der normalen Entwicklung des menschlichen Embryos gebildet und wieder abgebaut. In „Annals of Anatomy“ – obwohl dort immer noch der traditionelle Begriff „Schwanz“ verwendet wird – liest man:

„Im Lauf der normalen menschlichen Entwicklung werden eine Vielzahl von vorübergehenden Strukturen gebildet und in der Folge komplett abgebaut. Eine der offensichtlichsten Strukturen, die während der Entwicklung rückgebildet wird, ist der menschliche Schwanz … Zu Beginn besteht der menschliche Schwanz aus einer Schwanzknospe, dem Mesenchym, das sich dann weiter aufteilt in kaudale Somiten [Urwirbel, Anm. d. Übersetzers] , sekundäres Neuralrohr, Achsenstab und unteres Darmrohr.“22

Eine Analogie wäre ein Steinmetz, der einen Torbogen herstellt. Weil die Steine des Bogens erst dann zusammenhalten, nachdem der Schlüsselstein ganz oben eingesetzt wurde, errichten die Steinmetze zuerst ein Holzgerüst unterhalb der Steine, um sie während des Baus zu stützen. Nach Fertigstellung des Torbogens wird das Holz entfernt und der Bogen bleibt stabil. Wenn man den Bauprozess nicht beobachtet hätte, würde man vielleicht nie erfahren, dass zwischenzeitlich ein Holzgerüst dastand. Der ganze Vorgang ist ein Beispiel für Planung und Design, nicht für einen Zufallsprozess, in dem irgendwelche Bruchstücke wahllos auf einen Haufen geworfen werden.

Voll funktionsfähige Schwänze?

Um die Behauptung zu überprüfen, dass Menschen manchmal mit „voll funktionsfähigen Schwänzen“ geboren werden, ist es besser, zunächst einmal zu definieren, was ein echter Schwanz überhaupt ist, was für eine Funktion er hat, und welche Strukturen dafür benötigt werden, um die Funktion auszuführen. Erst dann kann man einen Vergleich zu „menschlichen Schwänzen“ anstellen. Erinnern wir uns: Beim Argument über die volle Funktionsfähigkeit geht es nicht darum, ob manchmal Menschen geboren werden, die dort, wo man einen Schwanz erwarten würde, eine entsprechende Ausstülpung haben. Noch geht es darum, ob eine solche Ausstülpung aufgrund einer abnormalen Entwicklung manchmal auch Muskeln enthält (die, falls sie mit Nerven verbunden wären, sich zusammen ziehen könnten, wodurch die Ausstülpung bewegt würde). Die Frage ist vielmehr, ob Menschen irgendwann echte Schwänze besitzen, die man mit Schwänzen von Tieren vergleichen kann (ob im Embryo oder bei der Geburt).

Tierische Schwänze haben komplett entwickelte Wirbel, die eine Struktur bilden, die an den hinteren Hüften vorbei hinausragt, mit entsprechend ansetzenden Muskeln. Sie haben Nerven, die diese Muskeln aktivieren können, mit den dazu notwendigen Nervenbahnen bis zum Gehirn, um den Schwanz steuern zu können. Und sie haben alle weiteren benötigten Weichteilen, die in anatomisch korrekter Verbindung zu diesen Strukturen stehen.

Die tierischen Schwänze – unter der Kontrolle der jeweiligen Tiere – werden für folgende Aktivitäten eingesetzt: Greifen, Insekten abstreifen, als Ablenkung für Verteidigungszwecke (z.B. wenn Eidechsen ihren Schwanz absichtlich abwerfen), zur Kommunikation (ein Hund zeigt z.B. mit Schwanzwedeln seine Freude, eine Katze schlägt mit dem Schwanz, um ihren Unmut zu zeigen), um sich warm zu halten (ein Schlittenhund legt sich z.B. zusammengeballt hin, mit dem Schwanz über der Nase), und – vielleicht am wichtigsten – um das Gleichgewicht beim Springen und Gehen zu halten.

Trotz dem Eindruck, den man gewinnen könnte, hat man beim Menschen noch nie einen sogenannten „echten Schwanz“ (d.h. einen Schwanz mit Muskeln), der Knochen oder Knorpel enthält, gefunden.23,24 Obwohl „Pseudo-Schwänze“ manchmal Knochengewebe enthalten, haben sie nie Wirbelkörper (die Behauptung Coynes, dass etliche menschliche Schwänze Wirbel enthalten, scheint sich aus allen Quellen, die wir analysieren konnten, nicht zu bestätigen). Alle diese kaudalen Anhänge ähneln also nicht im Geringsten den echten tierischen Schwänzen in ihrer Struktur. Auch konnten alle Menschen, die mit solchen Missbildungen geboren wurden, sie nicht für die oben aufgelisteten Funktionen bzw. Aktionen gebrauchen. Deshalb ist die Behauptung, dass Menschen mit voll funktionsfähigen Schwänzen geboren wurden, irreführend und falsch.

Der Mediziner und Chirurg Dr. Michael Egnor (Vize-Vorstandsvorsitzender der Abteilung für neurologische Chirurgie, und Direktor der Kinder Neurochirurgie an der Staatlichen Universität von New York in Stony Brook), der persönliche chirurgische Erfahrungen mit dieser Art von Missbildung gesammelt hat, sagt folgendes über „menschliche Schwänze“:

„Keiner davon – und auch keiner in der mir bekannten medizinischen Literatur – ist ein echter Schwanz. Ein Schwanz hat Wirbel, ist eine Fortsetzung des Steissbeins, hat gut entwickelte Muskeln, Nerven und andere Weichteile, usw. Die Anhänge, die in der Literatur beschrieben sind, und alle Anhänge, an denen ich operiert habe, bestehen aus dysmorphem mesenchymalem Gewebe, aus oft mit Haut bedeckten Auswüchsen aus der Hautschicht, die nur oberflächlich betrachtet eine Ähnlichkeit mit „Schwänzen“ haben. Keiner hat den Aufbau eines Schwanzes, nicht einmal ansatzweise, und keiner, den ich operiert habe, war am Steissbein befestigt, wie das bei einem Schwanz der Fall ist.“25

Für diejenigen, die nicht in medizinische Fachbegriffe eingeweiht sind, heisst das, dass die sogenannten menschlichen Schwänze eine Missbildung darstellen. Sie bestehen aus einer bestimmten Art deformierter Zellen (typischerweise Zellen, die sich zu Bindegewebe entwickeln können), und stammen aus der mittleren Keimschicht des Embryos (Mesenchym), die dann einen Auswuchs an der Haut bilden, der einem Schwanz ähnelt. Diese Keimschicht bildet übrigens normalerweise Strukturen aus, die auch Muskelgewebe beinhalten, deshalb ist es auch nicht überraschend, wenn manchmal Muskelgewebe in einem solchen Auswuchs vorkommt.

Zusammenfassung und Schlussfolgerung:

  1. Das menschliche Embryo hat in keinem Stadium einen „Schwanz“.
  2. Entwicklungsstörungen können in seltenen Fällen kaudale Anhänge verursachen, die irreführenderweise als „Schwänze“ bezeichnet worden sind.
  3. Diese Anhänge können unterschiedlich aufgebaut sein, und enthalten manchmal Muskeln mit Nerven, so dass sie bewegt werden können.
  4. Obwohl dieser Umstand unglücklicherweise zur Bezeichnung „echte Schwänze“ geführt hat, ist noch nie ein Baby mit einem annähernd echten Schwanz geboren worden, weder vom Aufbau noch von der Funktion her betrachtet.
  5. Medizinische Forscher und Kliniker, die sich mit diesen seltenen Fällen beschäftigen, bringen immer häufiger die offensichtliche Tatsache zum Ausdruck, dass es sich in keinem Fall um „echte Schwänze“ handelt – ganz unabhängig davon, ob sie an Evolution glauben oder nicht. Im Gegenteil, sie bestätigen, dass es sich um verschiedenartige Geburtsfehler handelt, ohne irgendeinen Zusammenhang mit „tierischer Abstammung“.
  6. Menschen die mit solchen Missbildungen geboren werden, leiden meist an einer Vielfalt von potentiell ernsthaften medizinischen Behinderungen (und die meisten Anhänge können auch nicht „problemlos chirurgisch entfernt“ werden, wie lautstarke Evolutionisten behaupten).
  7. Diese Missbildungen bieten keine Evidenz für die Behauptung, dass Menschen „atavistische“ Gene für Schwänze in ihrem Genom besäßen.

Wieder einmal erweist sich ein Darwinistischer Mythos – in diesem Fall „atavistische“ oder primitive, wiederauftretende Merkmale – als wissenschaftlich falsch. Auch wenn sie es noch so angestrengt versuchen, sie können aus uns keinen Affen machen.

Ähnliche Artikel

Literaturnachweise und Bemerkungen

  1. Das bezieht sich auf die Behauptung, dass ein Organ nicht vollkommen nutzlos sein müsse, um ein „evolutionäres Überbleibsel“ zu sein. Man behauptet, es könne zum Beispiel degeneriert sein und dadurch seine ursprüngliche Funktion verloren haben, später aber hätte es eine andere Funktion entwickelt (Zweckentfremdung). Beispielsweise können die Flügel von flugunfähigen Vögeln (bei denen im Übrigen auch Kreationisten oft der Meinung sind, dass sie ihre Flugfähigkeit infolge von Mutationen verloren haben) zum Ausbalancieren beim Laufen verwendet werden. Zurück zum Text.
  2. Ein geschmackloser Film aus dem Jahr 2001, mit einem prominenten Schauspieler, der einen vermeintlich „atavistischen Schwanz“ besitzt. Zurück zum Text.
  3. Giberson, K., Science Wars, My Debate With an „Intelligent Design“ Theorist, The Daily Beast, April 21 2014, thedailybeast.com. Zurück zum Text.
  4. Dieses Foto kann man hier sehen: www.sciencephoto.com/media/89784/viewZurück zum Text.
  5. Klinghoffer, D., Karl Giberson Apologizes for Photoshopped Image of Tailed Baby, evolutionnews.org, 6 June 2014. Zurück zum Text.
  6. Im Internet findet man viel manipuliertes bzw. gefälschtes Bildmaterial (sowohl Fotos als auch Filme), von dem behauptet wird, es sei echt; darunter findet man auch Beispiele von „funktionsfähigen Schwänzen“. Unglücklicherweise legen einige Betrüger auch viele Christen mit gefälschten „archäologischen“ Indizien und ähnlichen Behauptungen, die angeblich die Bibel unterstützen, herein. Dazu zählen z.B. auch die berüchtigten Fotos von „gigantischen vor-sintflutlichen menschlichen Skeletten’. Siehe Arguments we think creationists should not useZurück zum Text.
  7. Coyne, J. A., Why Evolution Is True, OUP Oxford, 2009, p.70. Zurück zum Text.
  8. Gaskill, S.J. and Marlin, A.E., Neuroectodermal appendages: the human tail explained, Pediatr Neurosci 15(2):95–99, 1989; US National Library of Medicine, National Institutes of Health, Pub Med.gov, Page 97,ncbi.nlm.nih.gov. Zurück zum Text.
  9. Ein indischer Teenager wird angebetet, weil er einen 18 cm langen „Schwanz“ hat – doch er muss ihn wahrscheinlich entfernen lassen, da er nicht gehen kann, The Daily Mail, 17 June 2014, dailymail.co.uk. Zurück zum Text.
  10. Gaskill & Marlin, op. cit., p. 97. Zurück zum Text.
  11. Herman, T.E. and Siegel M.J., Human tail-caudal appendage: tethered cord, Journal of Perinatology 28: 518–519, 2008. Zurück zum Text.
  12. Lu, F.L., Wang, P.J., Teng R.J., Tsou Yau, K.I., Frank L. Lu, Pen-Jung Wang, Ru-Jeng Teng, and Kuo-Inn Tsou Yau, The Human Tail, Pediatric Neurology 19(3), 1998. Zurück zum Text.
  13. Chunquan C., Surgical treatment of a patient with human tail and multiple abnormalities of the spinal cord and column, Department of Pediatric Neurosurgery, General Hospital of Tianjin Medical University, no. 154, China, Research Gate,researchgate.net. Zurück zum Text.
  14. Herman, T.E. and Siegel, M.J., Human tail–caudal appendage: tethered cord, Journal of Perinatology 28:518–519, 2008 | doi:10.1038/jp.2008.39. Zurück zum Text.
  15. Dao, A.H. and Netsky M.G., Human Tails and Pseudotails, Human Pathology 15(5):449–453, 1984. Zurück zum Text.
  16. Spiegelmann, R., Schinder, E., Mintz, M, and Blakstein, A., The human tail: a benign stigma, Journal of Neurosurgery 63(3):461–462, 1985. Zurück zum Text.
  17. Lu, F.L. et al., op cit. Zurück zum Text.
  18. Giberson, K., Science Wars, My Debate With an „Intelligent Design’ Theorist, The Daily Beast, 21 April 2014, thedailybeast.com. Zurück zum Text.
  19. Giberson, K., Saving Darwin: How to be a Christian and Believe in Evolution, HarperOne, New York, 2008, p. 200. Zurück zum Text.
  20. Langman, J., Medical Embryology, 4th edition, Williams & Wilkins, Baltimore, 1981. Zurück zum Text.
  21. Bei menschlichen Embryonen gibt es auch keine Kiemenspalten — der oben referenzierte Text sagt (auf S. 268), dass die assoziierten Taschen “keine offenen Verbindungskanäle zu den externen Furchen aufweisen”. Zurück zum Text.
  22. Morphological diversity of dying cells during regression of the human tail, Annals of Anatomy 183:217–222, 2001, sciencedirect.com. Zurück zum Text.
  23. Dao, A.H, Netsky, M.G., Human tails and pseudotails, Human Pathology 15(5):449–53, 1984; US National Library of Medicine, National Institutes of Health, PubMed.gov, ncbi.nlm.nih.gov. Zurück zum Text.
  24. Spiegelmann, R., et al, op.citZurück zum Text.
  25. Egnor, M., The Myth of Human „Tails“: A Physician and Surgeon’s Perspective, Evolution News and Views, May 23, 2014, evolutionnews.org. Zurück zum Text.